Donnerstag, 30. Dezember 2010

Der Wanderer

Zum neuen Jahr möchte ich euch eine kleine Geschichte schenken. Sie handelt von einem alten Wanderer, dem Wanderer, der ein Stückweit in uns allen steckt.
Ein gutes Nachdenken für euch damit.

Außerdem wünsche ich euch allen einen behüteten und gesegneten Start ins neue Jahr mit vielen besonderen Momenten und Begegnungen, die euer Leben reicher machen. Wir lesen, hören, sehen uns dann wieder in 2011.


Der Wanderer

Einmal lebte gar nicht weit von hier ein Mann, der war ein Wanderer. Der Wanderer war gerne zu Fuß unterwegs und machte große Touren. Die meisten Wanderungen, unternahm er jedoch auf andere Weise. Der Wanderer war ein Mann im besten Alter. In all den Jahren in denen er das Haus seiner Eltern verlassen hatte, um auf eigenen Füßen zu stehen – und vielleicht schon früher – war er auf einer langen Wanderung gewesen. Wie viele andere Menschen auch, suchte er nach seiner eigenen Heimat auf dieser weiten Welt. Er hatte viele schöne Orte gesucht und gefunden. Er hatte es genossen. Heimat war dort nicht gewesen.
Er hatte sich entsprechend seiner Mittel Wohnungen eingerichtet, in denen er gerne lebte. Er war dort gerne zu Hause. Heimat hatte er dort nicht gefunden.
Er hatte zeitlebens gelernt. Er hatte viel gelesen, viel mit anderen diskutiert, viel erprobt, viel erkannt. Er wusste viel über die Menschen und über sich selbst.

Der Wanderer hatte viel gelernt und mit der Zeit verstanden, dass es Irrwege für ihn gab und Sackgassen, in die er besser nicht ging. Mit der Zeit konnte der Wanderer solche Irrwege erkennen und ging sie dann nur noch, wenn er Lust dazu hatte. Manchmal braucht man einen Irrweg. Der Wanderer kannte viele Wege durchs Leben.
Heimat hatte er dort nirgends gefunden.
Zum Wanderer kamen viele Menschen, um ihn um Rat zu fragen. Manchmal konnte er den anderen einen Schritt weiterhelfen. Zur eigenen Heimat half ihm das nicht.

Der Wanderer hatte mit Menschen gelebt, die ihm wichtig waren. Sie hatten ihm keine Heimat geben können. Er hatte mit Menschen gelebt, die er liebte. Er war glücklich gewesen. Da hatte er geahnt, was seine Heimat sein könnte. Gefunden hat er sie nicht.
Der Wanderer war spirituelle Wege gegangen. Auch da hatte er Heimat geahnt. Aber Heimat gefunden, hatte er nicht.

Dann suchte der Wanderer die Stille. Zuerst war die Stille laut von seinen Gedanken. Dann war die Stille erfüllt vom Loslassen. Dann begann sich die Stille in ihm auszubreiten. Er hörte auf, überall zu fragen. Er hörte auf, nach neuen Wegen zu suchen. Er suchte nach Momenten und Orten der Stille. Da hatte der Wanderer eines Nachts einen Traum:

Er träumte, wie er auf einer großen Wanderung war. Er sah sich durch Bergwälder ziehen, an Seen entlang und über weite Wiesen. Er sah sich über Geröllhalden stapfen und durchs Unterholz kriechen. Er durchwanderte Steppen und Wüsten. Stetig, ausdauernd, beobachtend und freundlich ging er seinen Weg.
Plötzlich entdeckte er, dass in seinem Traum nicht nur einer unterwegs war, sondern zwei. Zwei, die einander glichen wie ein Ei dem anderen. Der zweite Wanderer ging immer hinter dem ersten her. Nur dass der zweite hager war, fast ausgehungert. Der zweite Wanderer schien sich sehr anzustrengen, ihn einzuholen.
Da kam der erste Wanderer an einen großen See. Er setzte sich, um auszuruhen. Er schlief ein. Dies endlich gab dem zweiten Wanderer die Chance, sein Ebenbild einzuholen. Schnaufend und ganz außer Atem, setzte er sich ans Seeufer.
Als dann der erste Wanderer aufwachte, erschrak dieser zutiefst. „Wer bist du“, fragte er verwundert, als er sich selbst erkannte.
„Ich bin ich“, sagte der zweite, „deine Heimat. Ich bin vielleicht froh, dass du dich endlich gesetzt hast. Ich hätte sonst bald nicht mehr gewusst, wie ich dich einholen sollte. Aber jetzt bin ich ja da.“
„Bist du schon die ganze Zeit hinter mir hergegangen?“ fragte der erste.
„Ja und ich war dir auch manchmal schon sehr nahe. Immer wenn ich dachte, ich hätte dich endlich eingeholt, bist du weitergerannt. Ich konnte dich nicht erreichen.“
„Weißt du, dass ich weitergelaufen bin, weil ich dich vor mir gesucht habe?“
„Ja, das weiß ich schon. Ich habe auch dauernd hinter dir her gerufen. Du hast mich nicht gehört. Du hattest so viel zu tun mit suchen.“
Da lachten beide. Gemeinsam bauten sie ein Haus an einem schönen Ort. Wenn jetzt die Leute zum Wandern kamen, um ihn um Rat zu bitten, sagte er ihnen manchmal diesen geheimnisvollen Satz:
„Du musst dich von dem, was vor dir ist einholen lassen.“

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