Donnerstag, 15. September 2011

Nie umsonst und Wundermomente!

Viele Gedanken haben mich die letzten Tage bewegt. Es gab Schönes, Herausforderndes, aber auch Schweres und Trauriges. Unsere Gedanken und Emotionen gehen oft ganz selbstständig ihren Weg.
Aber das muss ja nicht gleich schlecht sein. Im Gegenteil, momentan lehrt es mich viel über mich selber.
Heute saß ich also mit vielen Fragen an der Bushaltestelle.
Die Frage nach meinem Platz ist aufgerüttelt, nach meiner Aufgabe, dem Zweck meines Seins etc.
Natürlich darf ich einfach sein, aber wenn wir mal ganz ehrlich sind, das bloße Sein reicht auch nicht immer. Manchmal treibt uns eine Sehnsucht umher. Wir wissen noch nicht einmal woher diese kommt. Und wenn wir es dann doch erkennen, wollen wir es gar nicht mehr wissen. Sehnsucht kann unter Umständen ganz schön schmerzhaft sein, wenn sie zu bohrend wird.


Angebohrt, angefragt, angedacht, beglückt, beleidet, lächelnd und weinend. So saß ich also dort. Als ich mit meinem gesenkten Blick, den Boden abtastete, wurde meine Aufmerksamkeit von einer kleinen Ameise gefangen. Kleiner als ein Fingernagel und doch strahlend. Sie kämpfte mit einem (in Angesicht ihrer "Größe") überdimensional großen Brotkrümel.
Ich staunte, wie diese kleine Ameise, einen Gegenstand bewegte, der doppelt so groß war wie sie. Ich stellte mir vor, wie sie schwitze, keuchte und überlegte ihr Unterfangen zu lassen, die Last abzuwerfen und befreiter ihren Weg fortzusetzten. Ich stellte mir aber auch vor, wie sie sich sagte, nein, nicht aufgeben, ich werde mein Ziel erreichen. Der Bau liegt in erreichbarer Nähe. Und dann darf ich mich an meiner reichen Beute freuen. Ich stellte mir weiter vor, wie sie den Brotkrümel mit ihrer Ameisenfamilie teilen wird. Ich freute mich, weil die Ameisen sich freuen.
Ich fing unweigerlich an zu lächeln, was für ein absurder Gedanke, eine Ameisenfamilie, die sich über ein Festessen freut.
Absurd, aber ermutigend.
Als mein Bus kam und ich mich von meiner neuen Freundin der Ameise verabschiedet habe, wurde mir bewusst, dass sie mich etwas ganz wertvolles gelehrt hat: Es ist nie umsonst! Das Festessen wird kommen!

Passend dazu fiel mir dann noch glatt ein Gedicht einer meiner Lieblingsautorinnen Christina Brudereck ein, was ich erst vor zwei Tagen gelesen habe, es heißt genauso:

Nie umsonst!

Die Schwester, eine Kämpferin
erzählt auch immer wieder von den kleinen Anfängen
den ersten Protesten gegen Krieg
Vietnam damals
als kaum einer kam, keine Massen
erzählt von dem einen Tag
als sie nur schwer aus dem Bett kam
nachts lange gearbeitet für viel zu wenig Geld
müde sich und ihre beiden kleinen Kinder angezogen hatte
und nach D.C. gefahren war
um bei einer Demo mitzumachen
das Geld für die Fahrkarte eigentlich viel zu schade, oder nicht
und die Zeit eigentlich verschwendet, oder nicht
und so eine Kundgebung nichts für Kinder
oder doch
und dann fing es an zu regnen
und sie standen da, zehn Leute etwa
ein Plakat gegen den Krieg, zwei Kinder, drei Schirme
im Regen
und sie froren
und blieben stehen
und unterhielten sich
hielten sich an den Händen
ihre beiden Kleinen ganz eng an sie gedrückt

Ein sinnloser Tag, ohne Wirkung
das war umsonst, dachte sie
aber - Monate später
am selben Ort, zum selben Zweck
Protest gegen einen schrecklichen Krieg
erscheinen Hunderttausende
und die Menge zu sehen ist ermutigend
viele bei sich zu wissen macht neue Hoffnung
gehört zu werden, gesehen, wahrgenommen
endlich
ein Podium ist aufgebaut
und jetzt kommt der erste Sprecher
wer ist das, noch nie hier gesehen
er sagt: ich habe eingesehen
ich bin umgekehrt
erst vor ein paar Monaten
als ich hier an diesem Platz vorbeikam
und da standen hier
zehn Leute etwa
ein Plakat gegen den Krieg, zwei Kinder, drei Schirme
im Regen
und sie froren
und in der ersten Reihe eine Frau
ihre beiden Kleinen ganz eng an sie gedrückt

Das hat mich berührt
das Bild wurde ich nicht mehr los
warum die hier stehen statt zu Hause zu bleiben
was die wohl bewegt
da habe ich es verstanden
ich danke der Schwester
der Kämpferin
die etwas weiß von dem Geheimnis
von dem Großen, das im Kleinen versteckt ist
es ist nie umsonst!


Mit diesem Gedanken möchte ich abschließen: Es ist nie umsonst!

Ich wünsche euch viel Mut!
Alles Liebe und bis bald.

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